Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Der Saisonverlauf – Ein Rückblick

Rasen betreten verboten

Beauftragte für Fans mit Behinderung beim FC St. Pauli – was war, was ist, was wird.

„Ich habe mir meine Auslösung verdient“, ein Interview mit Thees

Fanclub Scarecrows Sankt Pauli - aus einer Katerlaune heraus entstanden



„Ich habe mir meine Auslösung verdient“

Thees Uhlmann hat eine neue Platte, die ziemlich gut ist. Und er hat eine Menge zu erzählen – über Arschlöcher in Kneipen, Wut-Mittagsschlaf und seinen Wunsch nach internationalem Fußball am Millerntor

Du hast dir für deine neue Platte fast sechs Jahre Zeit gelassen. Inzwischen hat sich die Welt ganz schön verändert. Was hat sich inzwischen bei dir geändert bzw. wie hast du dich verändert?
Du hast total recht. Ich merke die fortgeschrittene Zeit vor allem an meiner Tochter. Sie ist jetzt 12 und versteht längst, was ich mache – und sie findet es peinlich. Mit sieben oder acht wäre das vielleicht noch überlebensgroß gewesen. Bei meiner letzten Platte war sie bei meinem Konzert in Köln dabei und ist nach einer Stunde einfach eingeschlafen. Weil, der Altvordere steht da oben rum, schwitzt und grölt und es interessiert sie nicht.

Stört dich das?
Nein, ich finde das genau richtig so. Für mich ist das eher falsch, wenn der Vater der beste Freund seiner Kinder ist.

Spielt Musik für sie denn eine Rolle?
Na klar. Und sie hört genau hin. Letztens meinte sie: „Papa, du machst ja Rockmusik und Feine Sahne Fischfilet machen Punk und Helene Fischer macht Schlager. Warum klingt das denn dann alles gleich?“

Auch die Welt ist inzwischen eine andere. Was hat dich zuletzt besonders beschäftigt?
Vieles. Obama, Nirvana, Maueröffnung. Wo ist denn das alles geblieben? Das hat doch alles ganz gut geklappt. Aber man weiß ja: Es gibt da draußen etwa 30 Prozent, die sich freuen, wie sich die Welt in den letzten Jahren verändert hat. Früher waren die unsichtbar. Da waren das vielleicht fünf Arschlöcher in der Kneipe, die rumgelabert haben, bis der Wirt gesagt hat: „Jetzt haltet mal die Schnauze, ihr vertreibt die Gäste“. Jetzt bleiben die zuhause und tummeln sich in Facebook-Gruppen. Und da ist es ja so: Man bekommt nicht den Applaus für den schönsten Gedanken, sondern für den extremsten. Und das ist in der Psyche des Menschen nicht vorgesehen und es löst keine politischen Konflikte.

Ich habe gelesen, dass der Entstehungsprozess für die neue Platte nicht ganz reibungslos war. Dass du schon fertige Songs hattest, die du dann aber verworfen hast, weil sie dir peinlich waren. Welche Songs sind einem Thees Uhlmann peinlich?
Das ist vergleichbar mit dem Gefühl, das man hat, wenn man Aufzeichnungen von sich findet, die man mit 22 gemacht hat oder alte Briefe liest, die man mal an Freunde oder alte Lieben geschrieben hat, dann ist einem das eben manchmal peinlich. Cringe! Ich habe diese Texte einfach nicht gefühlt. Das passte nicht.

Gab es zwischendurch einen Punkt, an dem du gezweifelt hast, ob du überhaupt nochmal zurückkommst?
Ich habe drei Monate Pause gemacht. Dann habe ich einen ersten Song aufgenommen und an Freunde geschickt. Von denen kamen dann aber entweder gar keine Reaktionen, was sonst immer der Fall war, oder Kritik am Text. Daraufhin habe ich erstmal sechs Stunden Wut-Mittagsschlaf gemacht. Und da gab es schon so Überlegungen, ob Rockmusik für mich jetzt zu Ende ist oder ob ich überhaupt noch was zu sagen habe. Aber ich wollte eine nächste Platte schreiben. Und der Brustlöser kam auf der Rückfahrt von einem Geburtstag zwischen Hamm und Bielefeld, als mir der Satz eingefallen ist „Ich bin der Fahrer, der die Frauen aus Hip Hop-Videos nach Hause fährt. Und da habe ich gedacht, das könnte was sein. Und dann ging’s weiter.

Du hast kürzlich gesagt, dass du Angst hattest, mit der neuen Single nicht mehr zeitgemäß zu klingen. Ich dachte, Erfolg bedeutet vor allem, dass man sich um Zeitgeist nicht mehr scheren muss. Was meintest du damit?
Je älter ich werde, desto selbstbewusster sage ich, dass ich Kunst mache. Mir kommt es aber so vor, dass Pop- und Rockmusik inzwischen zu einem Großteil nur noch aus Entertainment besteht. Im Sinne von: Wir müssen eine Verwertbarkeit darstellen für die Aufbereitung im Internet. Es geht immer mehr um Konfettikanonen, setzt euch alle hin, Handys raus, Hände nach oben: Ich fühle mich damit sehr unwohl. Entertainment ist eine tolle Sache, aber Konfettikanone kann ich nicht.

In „100.000 Songs“ singst du ja auch von der letzten Rock’n‘Roll-Show der Welt. Über eine Band, vermutlich Led Zeppelin, die spielt, als würde es um alles gehen. Hast du dich mit dem Ende des Rock’n‘Roll abgefunden? Und woran liegt das?
Das ist relativ einfach. Gitarre ist eine komplizierte Kulturtechnik. Und wenn man sich heute den aktuellen Tonband-Katalog anschaut, dann sieht man auf den ersten drei Seiten nur Computer und Plug-Ins. Denn damit kannst du auf Anhieb Geige spielen wie ein ganzes Orchester. Das ist wahnsinnig attraktiv für Jugendliche, weil es weniger Mühe kostet als Gitarre zu üben. Ich glaube, dass Rockmusik aber auch deshalb so schwach geworden ist, weil wir kein scharfes Profil mehr haben. Und ganz generell: Vielleicht ist es auch in Ordnung, wenn Rock’n’Roll stirbt. Punk ist ja auch tot und hat überlebt.

Hast du denn zuletzt neue Bands für dich entdeckt?
Nein. Aber ich muss in meinem Alter ja auch nichts Neues mehr entdecken. Also mir fällt das wahnsinnig schwer. Da musst du Casper fragen. Der guckt sich jeden Tag 30 Musik-Blogs durch und sucht intensiv. Der kennt wirklich alles. Ich hab da keine Zeit für.

Ich finde, dass die Texte auf der neuen Platte präziser, konkreter und vor allem auch ausführlicher sind als auf den vorigen Alben. Hat das was mit deiner Erfahrung als Romanautor zu tun?
Ob das Buch einen Einfluss hat, kann ich nicht sagen. Ich denke da nicht aktiv drüber nach. Meine Produzenten Rudi Maier und Simon Frontzek haben aber gesagt: Thees, das einzige, was uns textlich interessiert, bist du. Das hat mir Mut gemacht, tiefer reinzugehen. Das zweite ist: Wir hatten das Gefühl, sowieso auf verlorenem Posten zu sein. Das hat uns dann den Mut gegeben, uns in Form und Umfang frei zu bewegen. Dann darf ein Song eben auch mal 17 Strophen haben. Das war sehr befreiend. So nach dem Motto: Wenn ihr jetzt alle Konfettikanonen macht, machen wir eben längere Texte.

Ich finde, es ist insgesamt keine kuschelige Platte geworden. Ich höre da überall zwischen den Zeilen Trauer, Verlustschmerz, bestenfalls Dann-eben-nicht-Trotz heraus. Täuscht das oder machst du gerade harte Zeiten durch?
Es interessiert mich nicht mehr, wie es mir geht. Ich weiß mit 45, wer ich bin, was ich nicht kann, aber auch, was ich kann. Mein Ego hat sich seit meinem 40. Geburtstag mehr und mehr abgemeldet. Mich interessiert das Wohlergehen meiner Tochter, meine Mutter soll noch 20 Jahre leben, meinem Freundeskreis soll es gut gehen und die Kunst muss stimmen, da will ich an die dunklen Plätze. Der Rest juckt mich nicht mehr groß.

Im Text zur Single singst du: „Menschen wie ich bleiben besser alleine“. Was ist damit gemeint?
Ich habe jetzt oft genug die Erfahrung gemacht, dass das so ist. Eine Freundin hat mal gesagt: „Thees, ich weiß ganz genau, wie das bei dir ist. An erster Stelle kommt deine Tochter, dann kommt deine Mutter, dann deine Kunst, dann dein Fußballverein, dann dein Freundeskreis, dann die Dunkelheit, in die du ab und zu verschwindest, aber dann könnte ich doch mal kommen.“ Das war einleuchtend. Und deswegen ist es besser, wenn ich für mich bleibe. Ich bin ja nicht alleine, ich habe keine Angststörung oder Depression. Aber meine Liebe ist eben vergeben.

Ist das eine neue Erkenntnis?
Ja. Die kam beim Songwriting für die neue Platte.

Warum bist du denn eigentlich kein politischer Künstler?
Es gibt Leute wie Markus Wiebusch, für die war Politik von Anfang an ein Motor, um überhaupt mit Musik anzufangen. Bei mir war das anders. Ich wollte Musik machen, weil mir langweilig war. Ich habe privat eine politische Meinung, aber auf der Bühne passt das für mich nicht.

Du warst im Sommer mit dem FCSP in den USA. Der Verein zeigt sich da sehr fannah. Warum geht das dort und bei uns nicht mehr?
Das muss man verstehen. Wenn ich ein Konzert in der Großen Freiheit spiele, bin ich auch nicht fannah. Das ist einfach zu viel Masse. Bei kleineren Konzerten ist das einfacher. Außerdem darf man nicht vergessen: Im Gegensatz zu Ralph Gunesch und Fabian Boll ist das eine andere Generation von Fußballern. Die sind teilweise noch so wahnsinnig jung. Da ist es doch klar, dass die es auch mal verkacken, wenn 29.000 ihr Wochenendwohl von denen abhängig machen. Der Fußball ist weiter professionalisiert worden. Vielleicht können die jungen Spieler mit der Liebe der Fans auch gar nicht umgehen. Es kann ja auch eine Last sein, für St. Pauli zu spielen. Vielleicht spielt man dann beim SV Sandhausen entspannter.

Wie sehr prägt das Fansein deinen Alltag?
Vom Psychischen her wird es immer schwieriger. Beim Spiel gegen Dresden (3:3 nach 3:0-Führung) habe ich erst gesaugt, dann gewischt, dann war ich einkaufen. Dann habe ich gearbeitet und beim Ticker nicht auf „Aktualisieren“ gedrückt. Dann doch und das 3:3 gesehen. Da habe ich dann alleine in meiner Wohnung rumgeschrien. Das war richtig scheiße. Und immer taucht dann die Frage auf: Warum hast du eigentlich kein Hobby, das dich glücklich macht. Um das klarzustellen: St. Pauli ist für mich ein absoluter Sehnsuchtsort, aber ich bekomme so selten eine Auslösung.

Aber ist es nicht auch ein bisschen reizvoll: unerfüllte Sehnsüchte, immer knapp daneben. Das kann doch eine Fanliebe auch stärken.
Ich bin jetzt aber auch schon ganz schön alt. Ich habe mir meine Auslösung verdient.

Was ist denn die Auslösung?
International spielen. Aufstieg erste Liga und dann so wie Mainz oder Freiburg. Das muss doch mal klappen.

Sorgst du dich auch manchmal um den FC St. Pauli?
Manchmal habe ich Angst, dass die Geschichte zu Ende erzählt ist, dass Fußball an sich nahezu zu Ende erzählt ist. Der Sport ist extrem maskulin, also in den Ultras-Kurven. Und Männerkult finde ich extrem bedrohlich. Sowas sorgt mich. Wobei: Dass die Dresdner beim Auswärtsspiel am Millerntor schon vor der Halbzeit die Klos in ihrem Block komplett zerstört haben, amüsiert mich wieder. Stell dir mal vor: Die kippen sich die ganze Anfahrt lang Bier und Weinbrand rein wie die Behämmerten und demolieren dann die eigenen Klos. Da fällt mir nichts zu ein.

Wie stehst du zum HSV? Hat der Club bei dir zuletzt an Sympathien gewonnen?
Mir hat gefallen, wie sich breite Teile des Umfelds sich in der Jatta-Sache positioniert haben. Ansonsten nicht. Aber ich bin es satt, mich als St. Pauli-Fan über die Misserfolge des HSV zu definieren. Für einen 45-Jährigen ist das inadäquat.

Hat der sportliche Erfolg Einfluss auf deine Identifikation mit dem Team.
Nein. Er hat nur Einfluss auf meine Seele. Und übrigens: Ich liebe Mats Møller Dæhli.

Was ist denn für uns drin diese Saison?
Ich möchte an meinem Geburtstag am 16. April wissen, dass wir nicht absteigen. Dann bin ich zufrieden.

Eine letzte Frage noch in eigener Sache: Du warst lange Zeit Teil unserer Redaktion. Wird es in Zukunft noch einmal einen Thees Uhlmann-Text im Übersteiger geben?
Ich brauche nur einen Anruf und die Zusage, dass keiner sauer ist, falls ich den Redaktionsschluss versäume. Aber klar. Der Übersteiger hat mich ans Schreiben gebracht. Ich bin und bleibe Fan.

Das Interview führte Sebastian.
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